von Monika Faber

Im Sommer 1983 besuchte Leo Kandl regelmäßig einige der beliebtesten Wiener Geschäftsstraßen und fotografierte dabei möglichst unbemerkt von den anderen Passanten. Sein Interesse galt den sich in diesen Straßen bewegenden Menschen, ihren Verhaltensweisen, ihrem Gesichtsausdruck. Mit fix eingestelltem Objektiv seiner Rolleiflex wartete er, bis seine "Opfer" in die nötige Entfernung kamen. Sein Ziel war eine Dokumentation eines Ausschnittes aus dem Alltag in diesen Straßen, daher war seine Arbeit von Anbeginn als Serie geplant. Die hier präsentierten acht Fotos stellen nur eine kleine, vom Fotografen und der Autorin vielleicht sehr willkürlich und aus dem Augenblick getroffene Auswahl aus einer großen Anzahl dar. Mit den folgenden Bemerkungen wird versucht, die Ansichten und Ziele des Fotografen, wie er sie in einem längeren Gespräch über seine neueste Arbeit dargelegt hat, zu übermitteln.

Leo Kandl arbeitet schon längere Zeit in dokumentarischen Reihen, bisher — vor allem in den verschiede¬nen Variationen seiner Serie über Menschen in Gaststätten und "Weinhäusern" — fast stets in bewusster Annäherung an die Objekte seines Interesses: Er suchte das Gespräch mit den Besuchern der Lokale, bemühte sich, ihre Scheu oder Aggressivität zu überwinden, aber auch ihre Reaktionen auf die Tatsache des Fotografiert--Werdens mit ins Bild zu bringen. Manchmal brachte er auch eine direkte Zusammenarbeit mit den Porträtierten in das endgültige Werk ein, indem er seine Fotos mit deren Texten oder Unterschriften zusammen drucken ließ.
 Mit der neuen Serie hingegen will Kandl ganz bewusst einen Gegensatz zu dieser Phase des persönlichen Kontaktes, des Persönlich-Involviert-Seins schaffen. Er wählte — nach seinen eigenen Worten — eine "neutralere" oder "normalere" Situation: die des unbemerkten Beobachters eines anonymen Geschehens. Er suchte Distanz, wo er früher das Gespräch gesucht hatte.
Diese neue Einstellung beruht vielleicht auf seiner in den letzten beiden Jahren intensiv betriebenen Be¬schäftigung mit der Geschichte der Pressefotografie, die ihm neue Aspekte über die mögliche Anwendung der Fotografie eröffnete. Ihm, der Malerei an der Wie¬ner Akademie für Bildende Kunst studiert hatte, sich aber schon früh für Fotografie interessierte und zum Beispiel Freunde nach Polaroids malte, waren Bildberichte über fremde Situationen und Menschen — die Aufgabenstellung für Pressereportagen — ungewohnt. Gleichzeitig erschien ihm dieser Ausgangspunkt aber auch als wichtige Anregung für eine künstlerische Arbeit. Wie ein Pressefotograf sozusagen außerhalb des aufgenommenen Geschehens bleibt, suchte nun auch Leo Kandl die von ihm zu dokumentierende Si¬tuation nicht zu stören. So sehr bisher die Tatsache einer Wechselbeziehung zwischen Fotografen und Fotografiertem mit ein Thema seiner Serien war, so sehr strebte er nun möglichste "Einseitigkeit" an, möglichstes Unbemerktbleiben seinerseits, um unbewusste Verhaltensweisen ins Bild zu bringen.
Durch diese Anregung wurde nicht nur das thematische Konzept seiner Arbeit bestimmt, auch formal änderte die neue Vorgangsweise vieles in seinen Bildern. So war durchgehende Perfektion nun weder angestrebt noch durchführbar, da er die Passanten in den Straßen möglichst aus der Nähe fotografieren wollte, war die fix eingestellte Entfernung seiner Kamera sehr gering und die Verschlusszeit kurz, dadurch ergab sich eine geringe Tiefenschärfe. Der Einsatz von Blitzlicht hätte die Arbeit gestört, und so machten oft ungünstige Lichtverhältnisse ausgewogene Helligkeitskontraste im Bild schwer möglich. Ähnelt diesbezüglich Kandis Arbeitsweise jener eines Pressefotografen, so ist sein Konzept doch ganz anders geartet, was vor allem beim Ansehen einer größeren Zahl von Einzelfotos deutlich wird. Nur scheinbar setzt sich die Serie über Menschen in einer Straße aus heterogenen Bildern zusammen, tatsächlich hat Leo Kandl mit dem Faktor der festgelegten Entfernungen (innerhalb der ganzen Serie nur zwei verschiedene Einstellungen) sich eine Einengung auferlegt, die die Bilderreihe zu einer formalen Einheit zusammenschließt. Seine besondere Aufmerksamkeit galt nicht einer Vielzahl von Aspekten des gesamten Geschehens in einer Geschäftsstraße, sondern einzelnen Menschen oder kleinen Gruppen, von denen jeweils nur eine Aufnahme gemacht wurde. Durch die standardisierte Distanz wurde auch das Verhältnis Bildfläche — Hauptperson mehr oder weniger einheitlich — innerhalb der zwei vorgegebenen Varianten.
Diese "Vorgabe" ebenso wie der Verzicht auf den oft verfremdend wirkenden Einsatz von Blitzlicht bei Tageslicht waren wichtige Voraussetzungen für Leo Kandis Konzept einer beabsichtigten "Neutralität" dem Geschehen auf der Straße gegenüber. Ihm dienten sowohl die direkten Beobachtungen während der Arbeit als auch das jeweilige Endprodukt Foto als Mittel zum näheren Kennenlernen des Alltäglichen und doch alltäglich Unbeobachteten. Er bezeichnet als eine der für ihn eindrucksvollsten Erkenntnisse die Hast und Unaufmerksamkeit der Passanten ("Wie in einem Ameisenhaufen"): Sie streben scheinbar stets bestimmten Zielen zu, die ihre Konzentration voll auf sich ziehen. Fast nur Kinder beobachten ihre Umwelt, sind bereit, die Umgebung auf sich wirken zu lassen.
Leo Kandl hatte innerhalb seiner Arbeit wohl vor, sich den Abgebildeten gegenüber möglichst neutral zu verhalten, andererseits hat er durch den subjektiven Selektionsvorgang, wen er nun aufnahm, eine bewusste Zielvorstellung zu verwirklichen gesucht. Keinesfalls sollte diese Serie eine Dokumentation bestimmter Außenseitergruppen werden, vielmehr war das Objekt seines Interesses der "Durchschnittsbürger", derjenige, der kein Interesse auf sich zu ziehen gewohnt ist: Frauen, die eilig von der Arbeit heimgehen, Mütter mit Kindern beim Einkaufen, ältere Damen beim Nachmittagsbummel ... Die Unmöglichkeit, aus zufälligen Begegnungen und aus den sich daraus ergebenden Auf¬nahmen auf Leben und Persönlichkeit der Beobachteten schließen zu können, war Kandl von vornherein bewusst. Daher erscheinen ihm in dieser Arbeit die Einzelbilder, die möglichen Assoziationen, die sich um sie spinnen können, als weniger wichtig — nur in der Serie, in der Wiederholung ähnlicher Züge, der scheinbaren Wiederkehr einzelner Motive lassen sich die von ihm in den Straßen gemachten Beobachtungen vielleicht nachvollziehen. So wird zum Beispiel als eine der Gemeinsamkeiten zwischen den dahineilenden oder an Kreuzungen wartenden Menschen der mit dem Mangel an Aufmerksamkeit für die Umwelt einhergehende Zug der Ernsthaftigkeit bis Verbitterung in den Gesich¬tern deutlich: Keine heitere Miene, kein Lächeln zeigt sich in diesen so unterschiedlichen Gesichtszügen. Kandl sieht das nicht negativ. Trotz einzelner bitterer Züge überwiegt in der Auswahl der "normalen" Typen, die er getroffen hat, eine humorvolle Auffassung, ein Sinn für das Skurrile, das seinen "Opfern" sonst wohl ebenso wenig bewusst ist wie die Unzufriedenheit in ihren Mienen. Die Freude am Beobachten und dem, was er dabei sieht, spricht deutlich aus seinen Bildern.
Text: © Monika Faber

 

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