Mit einer konzeptuell angelegten Fotoarbeit setzt Leo Kandls Auseinandersetzung mit dem Porträt ein. 1977 startete er seine „Phasenporträts“, in dem er zufällig angesprochene Passanten zu „Modellen“ seiner Bildserien machte. Dieses anonyme Agieren, auf Menschen zugehen und sie zu Protagonisten und Mitarbeitern seiner fotografischen Arbeit zu machen, ist die kennzeichnendste Komponente in Kandls individueller Auseinandersetzung mit dem Menschenbild und ein eigenwilliger Beitrag zur Porträtkunst der neueren Fotogeschichte; das Ansprechen, das folgende Gespräch, das Sich-Einigen auf eine kurze Kooperation und die dabei entstehenden Bilder sind ein interaktives Ganzes. Kandl bat seine Zufallspartner um einen Moment ihrer Zeit, um das Posieren vor der Kamera und um 4 gewählte Positionen von Kopf und Körper. Mancher wendet nur den Blick nach oben oder unten, mancher dreht den Körper vor und zurück, der eine setzt sich in Szene, der andere reagiert etwas schüchtern. Für Kandl sind die „Phasenporträts“ Erkundungen in der Mimik und Physis seines Gegenübers und gleichzeitig eine Überprüfung der konzeptiven Möglichkeiten, mittels Fotografie mehr als bloß einen „entscheidenden“ Augenblick einzufangen. Mehr als 20 Jahre später sollte Kandl zu den frühen Strategien seiner anonymen Porträts zurückkehren und mit den „Free Portraits“ eine weitere Version seiner Bildrecherchen vorlegen.

Margit Zuckriegl

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